Jennifer Peedom

River

Foto: Filmkinotext
(Kinostart: 21.4.) Sehnsucht nach dem Ozean: Das australische Regie-Duo Jennifer Peedom und Joseph Nizeti fängt den Lauf von Flüssen weltweit ein. Beeindruckende Aufnahmen setzen auf visuelle Überwältigung ohne Erkenntnisgewinn – begleitet von wuchtiger Musik und esoterischem Kitsch.

Die Menschheit verdankt Flüssen sehr viel. Sie versorgen nicht nur die meisten Menschen mit Trink- und Brauchwasser. Die Wege, die sich Flüsse über die Kontinente gebahnt haben, erlauben auch vergleichsweise rasche, hindernisfreie und gefahrlose Fortbewegung – und damit die Gründung von Städten, den Austausch von Handelsgütern und Ideen.

 

Info

 

River

 

Regie: Jennifer Peedom,

75 Min., Australien 2021;

mit: Willem Dafoe

 

Weitere Informationen zum Film

 

Kurz gesagt: Flüsse haben den zivilisatorischen Fortschritt erst möglich gemacht. So steht am Anfang dieser filmischen Meditation über unser Verhältnis zu Wasserwegen ein Zitat des Dichters W.H. Auden: „Tausende haben ohne Liebe gelebt, nicht einer ohne Wasser.“

 

Langsames Absterben

 

Gedankt wird es den Flüssen nicht: Ihr Lauf ist durch Kanalisierung eingeschränkt oder hinter Dämmen aufgestaut; zudem verdrecken sie durch allerlei Abwässer und Müll. Vielerorts sind sie nicht mehr Zonen von reichem aquatischen Leben, sondern sterben langsam ab – womit Menschen allerdings auch ihre eigene Lebensgrundlage zerstören.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Vorgängerfilm über Bergwelt

 

So lautet die kulturkritische Kernaussage dieses visuell eindrucksvollen, aber nicht sehr erhellenden Filmessays. Gemeinsam mit Ko-Regisseur Joseph Nizeti beleuchtet die australische Filmemacherin Jennifer Peedom unser komplexes, oft widersprüchliches Verhältnis zum Wasser. Es ist der zweite Teil einer geplanten Trilogie; der erste Film „Mountain“ (2017) handelte von der Faszination der Bergwelt.

 

Wie sein Vorgänger ist „River“ ein Film mit orchestraler Musik, die vom „Australian Chamber Orchestra“ eingespielt wurde. Ein wuchtiger Score begleitet verschiedene Aggregatzustände, die Wasser annehmen kann: Mal fließt es, mal ist es zu Gletschereis erstarrt oder gasförmig. Wolken sind die Flüsse der Lüfte – zumindest in der poetischen Betrachtung dieses Films.

 

Was will das Potpourri vermitteln?

 

Aus der Vogelperspektive blickt man mithilfe von Drohnen über surreale anmutende Landschaften. Satellitenbilder lassen mäandernde Wasserwege wie zarte Aquarellzeichnungen aussehen. Zeitlupe und Zeitraffer kommen ebenso mehrfach zum Einsatz. Der weit gefasste Überblick mit Flüssen aller Kontinente lässt jedoch die spektakulären Bilder bisweilen beliebig wirken.

 

Imposant sind sie trotzdem, besonders auf der großen Leinwand. Eindrucksvoll sind auch die Aufnahmen von Menschen an Flüssen: Hindu-Pilger in indischen Varanasi verbrennen am Ganges ihre Toten. Extremsportler jagen in Kayaks donnernde Stromschnellen hinunter. Händler drängeln sich mit ihren Booten auf einem schwimmenden Markt in Asien. Das Bildmaterial stammt aus 39 Ländern; allerdings erfährt man nie, wo es entstanden ist und wofür es steht. Da stellt sich bald die Frage: Was will dieses Potpourri dem Publikum vermitteln?

 

Dick aufgetragene Filmmusik

 

An den Dokumentarfilm „Aquarela“ (2018) von Victor Kossakovsky, der ebenfalls weltweit Wasser in allen Aggregatzuständen filmte und dabei ganz ohne Kommentar auskam, reicht „River“ jedenfalls nicht heran. Diesem Film fehlt eine besondere Note. Beeindruckende Naturbilder sind nicht mehr selten; jeder kann mit Drohnen ansehnliche Panoramaaufnahmen machen. So hat in jüngster Zeit der technische Fortschritt die Sehgewohnheiten auf diesem Gebiet stark verändert.

 

Bei der Musik tragen die Filmemacher ähnlich dick auf wie bei den Bildern. Teils wurden die Stücke eigens für den Film komponiert – etwa der einprägsame Gesang des indigenen Musikers William Barton. Teils werden schon zuvor veröffentlichte Melodien verwendet; etwa von Johann Sebastian Bach oder dem Radiohead-Gitarristen Jonny Greenwood.

 

Spirituelles Fluss-Verhältnis

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Chaddr – Unter uns der Fluss" – Dokumentation über Folgen des Klimawandels in der Himalaya-Region Ladakh von Minsu Park

 

und hier eine Besprechung des Films "Aquarela" – Doku über alle Aggregatzustände des Wassers von Victor Kossakovsky

 

und hier einen Bericht über den Film "Watermark" – spektakuläre Doku über die Wirkung von Wasser auf die Erde von Jennifer Baichwal + Edward Burtynsky

 

und hier ein Beitrag über den Film "Chasing Ice" – großartige Doku über das Abschmelzen der Gletscher von Jeff Orlowski.

 

„Ich wollte zum Staunen anregen“, beschreibt Regisseurin Peedom ihre Absicht. Tatsächlich setzt sie aber auf Überwältigung des Betrachters – leider oft zu Lasten weitergehender Erkenntnis. Tief schürft dieser Film nie, denn bald wird klar, dass es den Filmemachern nicht um wissenschaftliche Einblicke geht. Ihr Interesse gilt der spirituellen Verbindung von Menschen zu Flüssen, und welche Vorstellungen sie dabei auf Gewässer projizieren.

 

Dabei stützen sie sich vor allem auf Texte des britischen Autors Robert Macfarlane, der seit 2003 rund ein halbes Dutzend Bücher über eigenwillige Betrachtungsweisen der Natur verfasst hat. In deutscher Übersetzung erschienen etwa „Berge im Kopf“ (2005), „Karte der Wildnis“ (2015) und „Alte Wege“ (2016).

 

Denken + träumen wie ein Fluss

 

Seine hier zitierten Überlegungen sind gelegentlich prägnant. Allzu oft schrammen sie aber hart am Kitsch entlang: „Um wirklich lebendig zu sein, muss ein Fluss wild sein: eigenwillig und ungehindert“, heißt es an einer Stelle. Munter das Gewässer anthropomorphisiernd geht es weiter: „Sehnsucht nach dem Ozean“ treibe den Fluss an: „Hinabzustürzen ist sein einziges Ziel.“ Nun ja.

 

Mit dem esoterisch anmutenden Fazit: „Zu denken wie ein Fluss, bedeutet, flussabwärts in der Zeit zu träumen“, ist dann endgültig das Maß voll. In solchen Momenten wünscht man, die Regisseure verließen sich mehr auf die Kraft ihrer Bilder: Die haben kalenderspruchartige und plumpe Appelle an das ökologische Gewissen der Zuschauer nicht nötig.