Marius Holst

Congo Murder

Tjostolv Moland (Tobias Santelmann) und Joshua French (Aksel Hennie) werden von Soldaten eskortiert. Foto Real Fiction

(Kinostart: 6.2.) Im Herzen der Finsternis inhaftiert: Zwei norwegische Söldner wurden 2009 im Kongo Opfer einer Polit-Intrige. Ihr Schicksal verfilmt Regisseur Marius Holst als Knast-Kammerspiel – vom Schauplatz Afrika sieht man außer Gefängnissen nicht viel.

Das „Herz der Finsternis“ wird der Kongo nicht mehr los: Joseph Conrads epochale Erzählung von 1899 hat scheinbar das Image von Schwarzafrikas größtem Flächenstaat unwiderruflich geprägt. Als einem undurchdringlichen Moloch aus Gier, Willkür und Grausamkeit, dem alle zum Opfer fallen, die sich hineinwagen: Ein Echo dieses fatalen Rufs durchzieht auch das Dokudrama „Congo Murder“ von Regisseur Marius Holst.

 

Info

 

Congo Murder

 

Regie: Marius Holst,

128 Min., Norwegen/ Dänemark/ Schweden/ Deutschland 2018

mit: Tobias Santelmann, Aksel Hennie, Ine Jansen, Anthony Oseyemi

 

Weitere Informationen

 

Der Film basiert auf einer realen Geschichte: Zwei norwegische Söldner, Joshua French (Aksel Hennie) und Tjostolv Moland (Tobias Santelmann), reisen 2009 in den damals hart umkämpften Ostkongo. Sie wollen sich einem der in der Region operierenden Generäle andienen, der gegen die Regierung von Präsident Joseph Kabila in der Hauptstadt Kinshasa kämpft – ein Vorwand, um die Minen der rohstoffreichen Provinz auszuplündern.

 

Chauffeur stirbt im Kugelhagel

 

Wie French und Moland dabei mitmischen wollen, bleibt offen: Ihr gemieteter Pick-up-Truck wird nachts auf einer Piste im Dschungel überfallen, ihr einheimischer Chauffeur beim Feuergefecht mit den Angreifern erschossen. Die beiden Norweger fliehen in den Urwald, werden aber bald von Soldaten aufgegriffen und in Untersuchungshaft gesteckt: Man wirft ihnen Mord an ihrem Chauffeur vor.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Vorwurf der Spionage für Norwegen

 

Vor Gericht leistet sich Moland eine folgenschwere Provokation, indem er ihm jede Legitimität abspricht und sich ausdrücklich zum Warlord bekennt, den er vor ihrer Anreise kontaktiert hatte. Anschließend werden beide als Rebellen und Mörder verurteilt und landen abermals im Gefängnis. Nun beginnt ein langes Tauziehen: Norwegische Diplomaten bemühen sich um die Freilassung des Duos. Zwischenzeitlich wird ihm auch noch vorgeworfen, spioniert zu haben – daher solle Oslo ein astronomisch hohes Lösegeld zahlen.

 

Der Fall hat in Norwegen offenbar viel Aufsehen erregt: Es kommt ja nicht oft vor, dass Bürger dieser auf ihre Humanität stolzen Nation als Warlord-Schergen in einem Dritte-Welt-Knast landen. Darüber wollte Co-Drehbuchautor Nikolaj Frobenius zunächst einen Dokumentarfilm machen; er nahm dafür Verbindung zu den damals noch inhaftierten Söldnern auf. Dieser Ansatz prägt nun auch das Dokudrama von Marius Holst: Es schildert den Verlauf der Affäre detailliert und atmosphärisch dicht, aber nur aus der Binnensicht der Akteure – zu Lasten des Kongo-Kontextes.

 

Vieles bleibt im Dunkeln

 

Angefangen mit ihrer Motivation: Trotz langer Dialoge zwischen beiden wird nie recht klar, was sie in den Ostkongo gelockt hat. Ist es reine Abenteuerlust, wie French unbeirrt beteuert? Oder die Suche nach einem neuen Arbeitgeber? Oder hofften sie als Glücksritter, irgendwie beim Rohstoffhandel abkassieren zu können?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „13 Hours: The secret Soldiers of Benghazi“ – Action-Thriller über US-Einsatz in Libyen von Michael Bay

 

und hier eine Besprechung des Films „Félicité“ – ergreifendes Sozialdrama aus dem Kongo von Alain Gomis, prämiert mit dem Silbernen Bären 2017

 

und hier einen Beitrag über den Film „Das Kongo Tribunal“ – Doku über postdramatisches Theater über neokoloniale Ausbeutung von Milo Rau

 

und hier einen Bericht über den Film „Kon-Tiki“ – klassisches Abenteuer-Epos über Thor Heyerdahls Pazifik-Überfahrt von Joachim Rønning + Espen Sandberg mit Tobias Santelmann.

 

Ebenso wenig wird enthüllt, warum sie überfallen wurden – und welche politischen Kräfte im Hintergrund sie in Bauernopfer einer internationalen Affäre verwandelten. Die undurchsichtige Gemengelage in der Region transparent zu machen, in der bis heute etliche Milizen um Macht und Ressourcen kämpfen, wäre gewiss zuviel verlangt. Doch indem der Film nur den Leidensweg des Duos im Blick hat, verengt er sein komplexes Thema auf ein Psychodrama.

 

Tod in der Kongo-Zelle

 

Das von beiden Hauptdarstellern bravourös gespielt wird: Tobias Santelmann gibt den charismatischen Afrika-Kenner, der selbst im zerfetzten T-Shirt so tut, als hätte er noch ein As im Ärmel. Aksel Hennie überzeugt als sein ihn bewundernder Kompagnon, der jahrelang im Zustand der Dauerverwirrung verharrt. Umso mehr, als der malariakranke und depressive Moland 2013 in seiner Zelle stirbt – und French daraufhin der Mord an seinem Mithäftling zur Last gelegt wird.

 

Das lässt Regisseur Holst unaufgelöst, wie vieles andere auch. Vielleicht musste er juristische oder andere Rücksichten nehmen: Erst im Mai 2017 wurde Joshua French aus humanitären Gründen freigelassen; viele der an dieser Angelegenheit Beteiligten dürften noch ihre Funktionen inne haben. Doch aus der Ameisenperspektive der beiden Eingekerkerten ist vom Kongo wenig zu sehen außer Militärcamps, Verhörstuben und Gefängnishöfe, auf denen es nach westlichen Maßstäben fast anarchisch zugeht. Im „Herz der Finsternis“ bleibt eben alles undurchschaubar.