Frauke Finsterwalder

Große Sehnsucht nach Nähe in Nordeuropa

Szenenbild aus dem Film "Finsterworld": Franziska Feldenhoven (Sandra Hüller). Foto: Alamode Film

Kein Drehbuch ohne Gang ins Exil

 

Sie leben in Italien und Afrika. Ist der Film eine Interpretation Ihrer deutschen Heimat?

 

„Finsterworld“ ist meine Weltsicht und keine allgemeine Aussage über Deutschland oder wie Deutschland ist. Aber natürlich geht es mir um auch um deutsche Besonderheiten.

 

Pflegen Sie Traditionen?

 

Da sind keine konkret deutschen Eigenheiten, die ich vermisse. Eher Dinge, die ich aus der Kindheit kenne, an die ich melancholisch zurückdenke. Die haben weniger mit Deutschland und mehr mit meinem persönlichen Leben zu tun. Außerdem hätte ich dieses Drehbuch wohl nicht schreiben können, ohne ins Exil zu gehen.

 

Horror überzeugte Kameramann

 

Ist Distanz notwendig, um eine Gesellschaftsstudie wie diesen Film auf den Weg zu bringen?

 

Als Künstler bewegt man sich häufig weg aus seinem bekannten Raum. Erst aus der Distanz beginnt man über Dinge nachzudenken, die einem  sonst alltäglich vorkommen. Ohne Abstand nimmt man die hin und hinterfragt sie nicht ständig.

 

„Finsterworld“ bewegt sich zwischen vielen Genres: Komödie, Drama, Tragödie, Satire…

 

… und Horror! Das ist ganz wichtig. Als ich mit meinem Kameramann Markus Förderer über den Film sprach, war Horror immer ein großes Thema. Das hat ihn überzeugt, den Film zu machen. Er ist sehr Genre-affin.

 

Hässlichkeit lugt hinter Schönheit hervor

 

Haben Sie mit ihm den sehr eigenen, cleanen Look des Films entwickelt?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Finsterworld“ – von Frauke Finsterwalder

 

und hier einen Beitrag zum Film „Was bleibt“ – von Hans-Christian Schmid, ein Drama um eine Familienaufstellung mit Corinna Harfouch

 

und hier einen Bericht über den Film „Dr.Ketel- Der Schatten von Neukölln“sozialkritischer Thriller von Linus de Paoli

 

und hier eine Rezension des Films „Der feine Unterschied“gelungenes Sozial-Drama von Sylvie Michel

 

Nachdem das Drehbuch fertig war, schwebte mir erst eine realistische Art von Film vor. Im Zuge der Vorbereitung zum Dreh wurde mir klar, dass es weniger interessant ist, die Realität zu zeigen: Automassen, die sich durch Straßen quetschen; Menschen, die in der Tankstelle einkaufen und so weiter.

 

Ich wollte eine leere Welt zeigen. Dahinter steckt die Idee, eine subtile Irritation zu erzeugen. Diese Leere fällt nicht sofort auf, aber auf Dauer entsteht diese Irritation. Und ich fand es interessanter, hinter Schönheit die Hässlichkeit hervor scheinen zu lassen, die in den Figuren meines Films lauert.

 

Tag und Nacht arbeiten

 

In Ihrem vorherigen Film „Die große Pyramide“ haben Sie Ihren Mann, Christian Kracht, als einen der Protagonisten mit der Kamera begleitet. Nun hat er das Drehbuch mitgeschrieben. Wie trennen Sie Berufliches und Privates?

 

Das können wir nicht trennen. Als Schriftsteller wie als Filmemacher arbeitet man Tag und Nacht. Nicht unbedingt produktiv oder sinnvoll, indem man Bücher schreibt, aber eben zum Beispiel nachts, wenn man träumt.

 

Sie beschreiben den gemeinsamen Schreibprozess wie eine Therapiesituation. Verspüren Sie etwas wie eine Erleichterung der Seele?

 

Ich schreibe und verarbeite Alpträume. Das ist ein großes Geschenk; heißt aber nicht, dass sie dadurch weg sind.


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