Wim Wenders

Anselm – Das Rauschen der Zeit

Anselm Kiefer mit dem Flammenwerfer in Aktion. Foto: © 2023, Road Movies
(Kinostart: 12.10.) Wie man mit dem Flammenwerfer malt: Anselm Kiefer schafft Kunst mit abseitigen Materialien und Werkzeugen. Früher wegen seiner Themen umstritten, heute hochgeschätzt, widmet ihm Regisseur Wim Wenders ein ansehnliches Porträt – es ist am besten, wenn die Bilder für sich sprechen.

Am Ende kommen die Ehrungen. Wenn eine geschätzte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens ein ehrwürdiges Alter erreicht, prasseln die Auszeichnungen auf sie ein – denn bald könnte es zu spät sein. So auch beim 78-jährigen Künstler Anselm Kiefer: Im Februar wurde ihm das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern verliehen. Im Juli folgte der Deutsche Nationalpreis, den eine private Stiftung vergibt. Die Laudationes hielten Bundeskanzler Olaf Scholz und der Allround-Intellektuelle Florian Illies.

 

Info

 

Anselm – Das Rauschen der Zeit (3D)

 

Regie: Wim Wenders,

93 Min., Deutschland 2023;

mit: Anselm Kiefer, Daniel Kiefer, Anton Wenders

 

Weitere Informationen zum Film

 

Im Vorjahr hatte Kiefer den Großen Deutsch-Französischen Medienpreis erhalten; er lebt und arbeitet seit 1993 in Frankreich. Das sind nur die drei jüngsten der insgesamt 27 hochrangigen Preise und Ehrungen, mit denen Kiefer in 40 Jahren bedacht wurde – darunter 1999 der Praemium Imperiale, der als Nobelpreis der Künste gilt, und 2008 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

 

Beifall für parareligiöses Pathos

 

Als beinahe überfällige Auszeichnung lässt sich auch der Dokumentarfilm auffassen, den Wim Wenders ihm widmet. Beide haben manches gemeinsam: Neben Überkreuz-Neigungen – Kiefer liebäugelte mit dem Filmemachen, Wenders versuchte sich als Grafiker – pflegen beide sehr eigenwillige Perspektiven auf Geschichte. Deren Verwerfungen beschwören sie mit fast parareligiösem Pathos, was ihnen scharfe Kritik wie rauschenden Beifall einbringt. Und schließlich begehrte Auszeichnungen: Wenders bekam schon 2006 ein Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern, musste aber bis 2022 auf den Praemium Imperiale warten.

Offizieller Filmtrailer


 

Hitlergrüße in halb Europa

 

Ein Gipfeltreffen der Arrivierten also. Das sorgt für entspannte Arbeitsatmosphäre: In locker chronologischer Folge, durchsetzt mit ein paar re-enactment-Spielszenen mit Kiefer als Knaben in Nachkriegs-Trümmern oder Jungkünstler auf Motivsuche, zeichnet der Film seinen Werdegang nach. Dankenswerterweise nicht von Wenders, sondern von ihm selbst erläutert: In TV-Reportagen aus den 1970/80er Jahren tritt Kiefer als wortgewandter und überzeugender Kommentator seines Werks auf.

 

Zu erläutern gibt es einiges: Schon seine Kunsthochschul-Abschlussarbeit 1969 löste einen Skandal aus. In halb Europa hatte er unter dem Titel „Besetzungen“ Orte fotografiert, an denen er den Hitlergruß ausführte, und die Aufnahmen später als Vorlagen für Gemälde verwendet. Ein solcher Tabubruch war unerhört; ihm wurden NS-Sympathien unterstellt. Doch darf man Kiefers Beteuerung glauben, er habe im Gegenteil an die damals weithin verdrängte Terrorherrschaft erinnern wollen. Zwar wurde sie in der Bundesrepublik keineswegs verleugnet, aber es gab auch noch nicht allerorten Geschichtswerkstätten, welche die Nazi-Verstrickungen in der Nachbarschaft aufarbeiteten.

 

Weltberühmt durch US-Tournee

 

Joseph Beuys verstand diesen Ansatz; um ihm seine Bilder zu zeigen, schnallte Kiefer sie aufs Dach seines VW Käfers und fuhr vom Odenwald nach Düsseldorf. Denn der Nachwuchsmaler arbeitete abseits aller Kunstzentren in einem 200-Einwohner-Dorf; als Atelier nutzte er das frühere Schulhaus. Zugleich wurde er aber vom späteren Stargaleristen Michael Werner vertreten.

 

1980 erlebte Kiefer seinen Durchbruch: Gemeinsam mit Georg Baselitz füllte er den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig. Seine Beiträge wie „Deutsche Geisteshelden“ und „Wege der Weltweisheit – Die Hermannsschlacht“ mit Holzschnitt-Collagen historischer Bildnisse verstörten das deutsche Feuilleton; dagegen lobten angelsächsische Kritiker, wie Kiefer die Dämonen und Abgründe der deutschen Vergangenheit aufgreife. Das war entscheidend: Eine Ausstellungs-Tournee 1987/89 durch vier bedeutende US-Museen machte ihn international bekannt. Die umfassende Werkschau in der Berliner Neuen Nationalgalerie 1991 rehabilitierte ihn dann auch hierzulande.

 

Alchemisten-Labor + Groß-Lackiererei

 

Der Erfolg erlaubte Kiefer, 1988 in ein Nachbardorf umzuziehen, wo er eine alte Ziegelei zum Kunstpark umbauen wollte. Fünf Jahre später zog es ihn ins südfranzösische Barjac auf das 35 Hektar große Areal einer ehemaligen Seidenfabrik. Solche Standortwechsel strukturieren den Film: Kiefer ist ein Welten-Bauer, der sich weitläufige Gelände zulegt, um sie mit ausladenden Installationen als Privat-Kosmos auszustaffieren. Seit 2008 dienen ihm dazu die Ex-Lagerhallen eines Kaufhauses in einem Pariser Vorort; um darin zügig voranzukommen, fährt er Fahrrad.

 

Mit Künstler-Ateliers im landläufigen Sinne haben solche Hybride aus Alchemisten-Labor und Großraum-Lackiererei wenig zu tun. Um seine monumentale Kreationen anfertigen zu können, nutzen Kiefer und seine Assistenten Gabelstapler, Hebebühnen und Schmelztiegel. Denn so konventionell und monoton seine Fluchtpunkt-Panoramen oft erscheinen mögen – die verwendeten Materialien sind es nicht.

 

Metaphysik-Remix der Weisheitslehren

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Die jungen Jahre der Alten Meister: Baselitz - Richter - Polke - Kiefer" mit der umstrittenen Fotoserie "Besetzungen" von Anselm Kiefer in Stuttgart + Hamburg

 

und hier eine Besprechung des Films "Das Salz der Erde" – fabelhaftes Doku-Porträt über den Fotografen Sebastião Salgado von Wim Wenders

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Leben mit Pop: Eine Reproduktion des Kapitalistischen Realismus" - hervorragende Themenschau mit Bildern von Gerhard Richter zur NS-Vergangenheit in der Kunsthalle Düsseldorf

 

und hier eine Kritik des Films "Kathedralen der Kultur" – Episoden-Film über Kultur-Tempel von sechs Regisseuren, initiiert von Wim Wenders.

 

Mit Stoffetzen, Holz und Stroh, dürren Sonnenblumen, Asche und vor allem viel Blei werden sie gleichsam zu vertikalen Assemblagen mit schrundig zerklüfteter Relief-Oberfläche. Das vom synthetischen Kubismus erfundene Stilmittel, reale Objekte in Gemälde zu montieren, verwendet niemand so konsequent wie Kiefer. Wenn er Bilder-Zonen sorgsam mit dem Flammenwerfer versengt, sieht ihm die Kamera fasziniert zu. Sie schwelgt ebenso in den bizarren Arrangements seiner Skulpturen-Ensembles, etwa den bis zu 27 Meter hohen „Türmen der sieben Himmelspaläste“.

 

Dabei kommt der 3D-Effekt, den Wenders öfter einsetzt als jeder andere Autorenfilmer, gut zur Geltung. Zugleich kaschiert er geschickt, wie häufig Kiefer sich wiederholt, während er seine Formate ins Gigantomane steigert. Als Meister des Selbstzitats und der Rekombination hat er sein Faible für vieldeutige Quellen und tiefschürfende Thesen im Lauf der Zeit auf allerlei Weisheitslehren ausgedehnt; von der Kabbala über die Gnosis bis zur Mystik. Erdige Stoffe auf Leinwände gespachtelt, mit Furchen und Kratzern rhythmisiert, darüber ein paar Kernbegriffe oder Zitate in zittriger Handschrift – fertig ist Kiefers Metaphysik-Remix.

 

Dogenpalast als Top-Ehrung

 

Das „Rauschen der Zeit“ wird dann leicht zum bedeutungshubernden Raunen. Daher ist diese Doku am besten, wenn sie Bilder für sich selbst sprechen lässt. Wie bei seinem grandiosen Auftritt im Beiprogramm zur Biennale 2022: Kiefer durfte im Dogenpalast ausstellen. Dafür verbarg er in einem zentralen Saal wandfüllende Gemälde von Tintoretto und Zeitgenossen mit Raumteilern und hängte eigene Werke davor. Sein Privat-Kosmos in einer Kathedrale der europäischen Kultur: Eine höhere Auszeichnung scheint kaum denkbar.